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"Agenda 2010 – Armut vor Ort?!"

Vierter Diskussionsabend in der Evangelischen Akademie Recklinghausen zu den Folgen der Agenda 2010
"Agenda 2010 – Armut vor Ort?!"

Klaus Otto Bösche, Monika Stern und Stefanie Klein (v.l.) referierten über Armut im Kreis Recklinghausen

„Was aus einem Kind im Ruhrgebiet wird, hängt im Wesentlichen von seiner Adresse ab“, zitierte Moderator Axel Niemeyer eine Studie zur Armut im Ruhrgebiet zu Beginn der vierten Veranstaltung der Ev. Akademie Recklinghausen.

Wie die Folgen der sog. Agenda 2010 im Kreis Recklinghausen zu beschreiben sind, hatte sich die Evangelische Akademie Recklinghausen gemeinsam mit Attac Recklinghausen, dem Diakonischen Werk Recklinghausen und der Ev. Kirchengemeinde Recklinghausen-Altstadt mit Hilfe von drei Fachleuten vorgenommen. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut von Professor Strohmeier der Ruhr-Universität Bochum, Stefanie Klein (Faktor GmbH), präsentierte zunächst die Datenlage, die sich auf fast 14.000 Familienbefragungen in zehn Städten in NRW stützt. Dabei zeigten sich Städte wie Herne und Gladbeck am stärksten von Armut betroffen.

„Was ist denn Armut?“
Die Armuts-Definition werde zumeist als „Einkommensarmut“ verstanden, so Stefanie Klein. Gemäß der Landessozialberichterstattung gelte als arm, wer weniger als Hälfte des Durchschnittsverdienstes bekäme. Dennoch sei Armut eher als  Lebenslage, als soziale Ausgrenzung zu begreifen.
Die Ursachen von Armut hingen zumeist mit Erwerbsproblemen, niedrigem Einkommen, verringerter sozialer Absicherung (Hartz-Reformen) oder mit sozialen Problemen wie Überschuldung, Trennung und Scheidung zusammen. Besondere Armutsrisiken macht Klein bei Alleinerziehenden, Menschen mit  Migrationshintergrund und sog. bildungsfernen Schichten aus, aber auch wenn Krankheit oder Sucht das Leben massiv veränderten. Armut sei zumeist in bestimmten Stadtquartieren anzutreffen.

Kinder als Sozialgeldbezieher

Armut trage in Deutschland ein „spezifisches Kindergesicht“. "Armut verschlechtert die Startchancen der Kinder", unterstrich Stefanie Klein.  Die Statistik zum Sozialgeldbezug von Kindern unter 15 Jahren im Vergleich der Jahre 2005 und 2008 zeige für Deutschland ein Nord-Süd- und ein Ost-West-Gefälle. In Gesamtdeutschland sei eine Steigerung von 13,4 auf 16,3 Prozent zu verzeichnen; in NRW von 14,3 auf 17,8 Prozent und im Kreis Recklinghausen sogar von 14,8 auf 22,5 Prozent. „Im Kreis RE sind mehr als in NRW und in NRW mehr als in Deutschland anteilig arm“, folgerte Stefanie Klein. Seit der Agenda 2010 sei nichts besser geworden. Entgegen aller Polemik gegen Arme hielt Klein fest: „Arme sparen bei Vorsorge, Auto, Freizeit und Kultur“.

Unverständliche Bescheide

Welche Probleme von Armut betroffene Personen im Kreis Recklinghausen tagtäglich erleben, erläuterten Monika Stern (Diakonisches Werk im Kirchenkreis Recklinghausen) und Klaus Otto Bösche (Diakonisches Werk Recklinghausen) aus ihrer Beratungspraxis.  In den 35.000 Bedarfsgemeinschaften im Kreis Recklinghausen lebten derzeit 70.000 Hartz IV- oder Sozialgeldbeziehern; mehr als die Hälfte seien alleinstehend, 6000 hätten ein Kind. Ein Hartz-IV-Empfänger bekommt 359 Euro monatlich als alleinstehende Person. Verheiratete oder Partner haben beide jeweils mit 323 Euro auszukommen. Hinzu kommen Unterkunft und Heizung  „Davon muss man alles bestreiten, auch wenn was kaputt geht“, machte Monika Stern klar.

Die meisten der Betroffenen hätten massive Probleme mit den für sie nicht nachvollziehbaren Arbeitslosenbescheiden. Anhand eines anonymisierten ARGE-Bescheides für eine Person, demonstrierte Monika Stern die Abzüge bei den Kosten der Unterkunft:  „Warum man den jeweiligen Betrag bekommt, kann man nicht nachvollziehen. Man kann die Bescheide nicht lesen, der Kontoeingang ist nicht nachvollziehbar. Das treibt die Menschen zur Verzweiflung“, stellte Monika Stern nicht ohne Resignation fest. Man müsse aber die Mitarbeiter der ARGE in Schutz nehmen. „Die Software aus Nürnberg macht die Probleme“, so Stern. Daher sei es in Beratungsarbeit nicht verwunderlich, mit einer Widerspruchsquote von 90 Prozent den Betroffenen zur Seite zu stehen.
Klaus Otto Bösche empfahl denen, persönlich helfen wollten, Betroffene bei ihren Amtsgängen zu unterstützen: „Persönliche Begleitung ist eine große Hilfe. Sie macht denjenigen, der da hingehen muss, sicherer. Denn vier Ohren hören mehr als zwei.“

Abschliessend diskutierte die Zuhörerschaft den Sinn der sog. Tafeleinrichtungen, die mit Hilfe Ehrenamtlicher an die Stelle immer weiter zurückgefahrener staatlicher Hilfe getreten sei. Den Kritikern der Tafelbewegung hielt Monika Stern entgegen, dass "die Tafeln für viele Familien, die am Monatsenende ohne Bargeld daständen, inzwischen die einzige Möglichkeit seien, um dann überhaupt noch an Lebensmittel heranzukommen."

Text/Bild: hh


Weiterführende Links
Beratungsstelle für Arbeitslose (Diakonisches Werk im Kirchenkreis Recklinghausen)
Faktor Familie

 

Adressen:

Diakonie-Gemeinwesenarbeit, Am Grünen Platz 37
Kontakt: Klaus Otto Bösche Tel.: 3 70 61 46
(Di. u. Do. 10:00 - 18:00 Uhr) und Anrufbeantworter

 

Beratungsstelle für Arbeitslose
Dienstags bis Donnerstags 13.00 - 16.00 Uhr
Freitags 9.00 - 12.00 Uhr
Termine können telefonisch vereinbart werden unter:
02361-9366423/24

 

Faktor Familie GmbH- Lokale Familienforschung und Familienpolitik
Im Lottental 38
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Tel.: 0234/ 32 28727
info@faktor-familie.de